Monatsarchiv: Dezember 2020

Interrail: Es ist kompliziert

Ich wollte es ja immer schon mal machen. In diesem Sommer war es dann so weit: Meine erste Interrail-Reise stand an.

Rein ländertechnisch – mit Österreich als einzigem Ziel – recht überschaubar, dafür aber höchst flexibel und unter dem Strich nicht teurer.

Meinen Vierer wollte ich nicht alleine blockieren, darum überredete ich kurzerhand ne Freundin, doch mitzukommen. Orte und Zeitpunkte waren schnell gefunden. Alles war geplant. Das einzige, was einen Tag vor Abreise noch fehlte, war das Ticket.

In Zeiten von Bahn 2., 3. oder vielleicht auch schon 4.0 ja sicher kein Problem.

Denkste.

Der Bestellvorgang im Netz klappte eigentlich erst noch ganz gut. Bis zur letzten, aber entscheidenden Frage:

WIE MÖCHTEN SIE IHR TICKET ZUGESTELLT BEKOMMEN?

Ja wie?

Sofort und digital natürlich. Wie bei einer möglichen Fahrt von Buxtehude nach Bensersiel. Also flott.

Es gab zur Beantwortung der Frage aber nur zwei Auswahlmöglichkeiten. Sofort und digital war nicht dabei.

DHL oder DHL-Express (2-3 Werktage)

Das Interrail-Portal beamte mich mal eben mit Schubrakete zurück in die 80er. Ich war kurz davor, mich mal wieder in eine Telefonzelle zu stellen. Nur, um so rein gefühlsmäßig die 80er noch mal zu erleben.

Ich musste umdenken. Also rief ich am Bahnhof meines Wohnorts an. Eine Uni-Stadt mit 150.000 Einwohnern wird ja wohl Interrail-Tickets verkaufen.

Denkste 2.0.

Ein Reisebüro mit dieser Fähigkeit war auch nicht zu finden.

Also gab es keine Chance, in ganz Deutschland ein Interrail-Ticket zu kaufen?

Meine letzte Chance: meine  Heimat.

Ein (für mich) schöner Ort mit rund 53.000 Einwohnern und einer kleinen, aber wie sich herausstellen sollte, feinen DB-Verkaufsniederlassung.

Dort verstand man mich sofort und konnte mir vor allem sofort helfen. Innerhalb von 20 Minuten bekam ich zwei Interrail-Pässe mit einem fürchterlich gestalteten blau-gummierten Fahrtenbuch (Ironie aus) in die Hand gedrückt.

Das Fahrtenbuch, so bekam ich noch mit auf den Weg, sei wichtig zur Kontrolle durch den Schaffner. Damit ich auch nicht länger oder öfter fahre als erlaubt. Und es sei auch der Grund, warum man ein Interrail-Ticket nicht ausdrucken könne.

Nach einer Woche Zugfahrt, einem geklauten Kuli vom Schaffner und vielen, hier später noch zu schildernden Eindrücken war das Fahrtenbuch randvoll.

NICHT! 

Nur die allererste Fahrt hatte ich an einem Tisch in einem Vierer darin eingetragen. Danach interessierte dieses blaue 80er Gummi-Buch niemanden mehr.

Am liebsten wäre ich auf meiner letzten Etappe noch einem Schaffner hinterhergerannt und hätte ihn – mit dem Kopf auf den Vierer-Tisch gepresst – genötigt, sich darin zu verewigen.

Ich hätte ihm dafür sogar den Kuli geliehen, den ich seinem Kollegen von der ersten Fahrt nicht wieder zurückgegeben hatte…

lassmaliebereiner

Stimmt. Dieser Blog hat verdammt lange brachgelegen. Oder besser gesagt: Es gab ziemlich viele „Bauarbeiten auf der Strecke“.

Das soll sich jetzt wieder ändern.

Natürlich bin ich in der Zwischenzeit weiter jede Menge Bahn gefahren. Und natürlich habe ich, zumindest bis zum März, in meinem geliebten „Vierer“ gesessen.

Ich habe meine bislang weiteste Zugreise bis nach Barcelona unternommen.

Ich musste sogar erst so alt werden wie ich bin, um zum ersten Mal Interrail zu fahren. Die am häufigsten gestellte – und wenig charmante – Frage dazu war übrigens:“ Interrail gibt es für Dein Alter noch?“

Einer der Hauptgründe warum ich jetzt wieder über die große und weite lassmavierer-Welt schreiben möchte ist – Corona – natürlich.

Denn lassmavierer ist aktuell nicht. lassmaliebereiner ist vernünftiger. Mit Maske. Mit Abstand. Ja, auch mich nervt das. Es ist aber alternativlos.

Auf meinen Corona-Zugfahrten habe ich unfassbar rücksichtsvolle Mitreisende erlebt.

Genauso wie das krasse Gegenteil.

Menschen, die sich mit dem „Maske-Zugbegleiter-Spiel“ die Zeit vertrieben haben. Ist der Schaffner in Sichtweite: Maske auf. Ist er wieder weg….

Ich finde das rücksichtslos, arrogant und gefährlich.

Dieser Blog wird sich darum auch inhaltlich etwas verändern. Für „immer nur lustig“ sind die Zeiten zu ernst.

Aber keine Sorge. Wenn ihr es euch im Schienenersatzverkehr – mit einer Hand in der Halteschlaufe stehend – mit 80 anderen gemütlich gemacht habt, werdet ihr nicht von der Moralkeule auf den neben euch stehenden Maskenträger geschubst.

lassmavierer bleibt im Kern seiner Idee treu. Es soll Spaß machen – und mich therapieren.

Denn die Geschichten die ich seit über 30 Jahren im Zug erlebe, die müssen raus.

Wenn ihr wollt, dann kommt gerne mit in den Stuhlkreis und schildert mir in den Kommentaren, was ihr auf euren Fahrten erlebt habt.

Oder ihr lest einfach regelmäßig diesen Blog.

Der nächste Eintrag kommt nicht erst wieder in knapp drei Jahren. Versprochen….