Monatsarchiv: Januar 2017

Larissa

Es gibt so Begegnungen im Vierer, die werden in der Erinnerung für immer bleiben. Der Grund heute: Larissa

Sie setze sich heute auf meinem Rückweg mir gegenüber. Neben ihr saß Lars. Das wusste ich am Anfang zwar noch nicht, das sollte sich aber bald ändern.

Lars kannte Larissa bis dahin auch noch nicht. Was aus den beiden geworden ist kann ich nicht sagen. Mir reichten auch die 20 Minuten die ich Larissa kennenlernen durfte.

„Darf ich mal was fragen?“ Larissa wartete die Antwort von Lars und mir gar nicht mehr ab. „Hält dieser Zug in Bochum-Wattenscheid?“

Ich nickte. Lars auch.

„Gut. Ich habe nämlich auf dem Bahnsteig in Gütersloh gefragt. Da haben sie mich alle nur blöd angeguckt. Also diese Stadt ist nichts für mich. Da bleibe ich lieber in meinem Essen. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch. Wie heißt ihr eigentlich?“

Da wusste ich, das Lars Lars heißt.

Während Larissa im weiteren Verlauf der Fahrt duzte, entschied sie sich bei mir für das Sie. Da konnte ich mit leben. Wenigstens etwas Distanz.

„Können Sie mal eben meine Jacke nehmen? Ich muss mein Handy suchen. Wo habe ich das nur?“

Eine Erlaubnis, ihre Jacke auf meinen Schoß zu legen brauchte sie nicht. Also eigentlich schon, aber in ihrer Welt nicht.
Ich hatte also ihre Jacke auf dem Schoß, sie suchte ihr Handy.

„Wo müsst ihr denn raus?“.

Lars in Kamen – ich in Ahlen

Im weiteren Verlauf klärte sie noch kurz den Beruf von Lars. Er arbeitete bei Mercedes. Nach meinem Beruf fragte sie nicht.

„Ist Zug fahren nicht langweilig?“

Ich dachte bei mir: „Jetzt gerade würde ich mir Langeweile wünschen.“

„Fahr diese Strecke mal täglich mit dem Auto. Das ist Stress“, entgegnete ich stattdessen.

„Ich stand auf dem Bahnsteig und habe die Leute gefragt, wohin der Zug wohl fährt. Gesagt hat keiner was.“

Sollte der Leser an dieser Stelle verwirtt sein: Ich kann nichts dafür. Larissa schien Lieblingssätze zu haben, deren Wiederholung ihr wichtig waren.

„Der Typ dahinten sieht auch süß aus. Ich habe schon überlegt ob, ich mich dahinten hinsetze.“

Sollte Gott meine Gebete erhört haben?

„Aber ich habe ja einen Freund – na ja. Ich habe Sorgen.“

„Müsste jetzt nicht gleich Ahlen kommen?“

Larissa wollte mich loswerden. Das war klar.

„10 Minuten noch“, konterte ich.

„Ich hatte ein Vorstellungsgespräch in Gütersloh. Aber neee. Ich bleibe lieber in meinem Essen. Komische Leute dort. Und auf dem Bahnsteig, da habe ich nur gefragt, ob der Zug nach Bochum-Wattenscheid fährt. Geantwortet hat mir keiner. Nee. Ich bleibe lieber in meinem Essen.“

Lars war mittlerweile eingenickt. Wahrscheinlich tat er nur so, um seine Ruhe zu haben. Das hinderte Larissa natürlich nicht daran, ihn nochmal zu fragen, was er eigentlich beruflich mache.

„Ich hatte ja ein Vorstellungsgespräch. Aber nee. Ich bleibe lieber in meinem Essen.“

Echt?

„Sehe ich eigentlich faltig aus?“

Ich konnte nicht anders: „Es gibt Schlimmeres.“

„Das ist genau das, was Frauen hören wollen“, raunzte sie.

Ich muste raus. Also jetzt wirklich. Meine Fahrt war wirklich zu Ende. Am liebsten hätte ich Lars noch mal kräftig in den Arm genommen.
Ich drehte mich um und stieg aus. Ich hörte noch einen letzten Satz von Larissa:
„Also auf dem Bahnsteig in Gütersloh: Komische Leute. Ich habe nur gefragt ob…..“

Armer Lars.

Es lebe der Schlager

Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich unsicher bin.

Vor ein paar Jahren gab es in den Zügen mal Hinweise darauf, dass man doch bitte nicht so laut Musik hören sollte, um die Mitfahrer im Vierer nicht zu stören.

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Die Hälfte aller Kegelclubs würde zu Hause bleiben und auf der heimischen Kegelbahn den Ausflug simulieren, wenn man dieses Verbot konsequent verfolgen würde.

Wahrscheinlich würde auch mal jeder die Durchsagen im Zug mitbekommen, wenn er oder sie die Kopfhörerlautstärke vom Smartphone reduzieren würde.
Manchmal möchte ich ja auch die Fähigkeit besitzen, eigene Durchsagen im Zug machen zu dürfen. Was würde das für einen Spaß machen.

Variante 1: „Wir rasen gerade ungebremst auf ein endendes Gleis zu…..“

Zugegeben: Das wäre arg gemein. Andererseits würden es eh nur ein paar Mitfahrer mitbekommen. Die könnte man ja dann gleich auch wieder beruhigen.

Variante 2: „Alle, die jetzt den Finger heben, bekommen ein Freigetränk.“

Hier wären meine Unkosten überschaubar. Wahrscheinlich würde ein Sixpack Brause reichen.

Außerdem wäre eine vorgeschriebene Lautstärkeregelung auch kontraproduktiv, um sich von der eigenen Menschenkenntnis überraschen zu lassen.

So saß ich am Montag in meinem Vierer und ließ die Landschaft draußen wieder an mir vorbeiziehen, als ein mir gegenübersitzender Fahrgast aufdrehte.

Er war ungefähr 1 Meter 90 groß, hatte dunkle Haare, einen Bart und war von sehr breiter und vor allem sehr kräftiger Statur – kurz gesagt: Typ Türsteher.

Ich hörte auf das, was als Musikgemisch mir entgegenkam und schaute ihn an. Irgendetwas in meienem Kopf sagte mir, das da etwas nicht zuammenpasst.

Noch kam ich aber nicht drauf.

Beim Refrain war es dann so weit: „Ich sterb für Dich“.

Richtig – Vanessa Mai.

Der Schlager macht auch vor echten Männern nicht mehr Halt.

Ich war kurz davor dem Türsteher auf die Schulter zu klopfen.

Getraut hab ich mich nicht.

Wenn er beim nächsten Mal die Amigos hört….. vielleicht.

Bahnfahren – irgendwie wie Fußball

Alle die jetzt glauben, dass es während der folgenden Zeilen um pöbelnde, feiernde, betrunkene und „wofür brauche ich das Klo wenn es auch hier geht“ Fußballfans geht – weit gefehlt.

Stimmt. Auch dazu könnte ich jede Menge erzählen. Und ich werde es auch noch. Aber nicht heute.

Denn es gibt auch andere Zusammenhänge zwischen dem Fahren mit dem Zug und der schönsten Nebensache der Welt.

Das wurde mir bewusst, als ich vor ein paar Jahren mal wieder einen späten Zug nach Hause nahm. Ich war gerade von dem monotonen Wackeln schläfrig geworden als ich beschloss meine Schuhe auszuziehen und meine Füße dann auf den gegenüberliegenden Teil meines Vierers zu legen.

Die soeben beschriebene Reihenfolge ist wichtig und für den weiteren Verlauf der Geschichte entscheidend.

Ich sollte noch erwähnen, dass ich der einzige Fahrgast im gesamten Abteil war.

Ich setzte meine Fahrt also gemütlich fort, da kam der Zugbegleiter.

Ich kannte ihn bislang immer als freundlichen Gesellen. Heute Abend jedoch sollte sich das ändern.
Denn das normale Prozedere wurde mal eben umgekehrt.
Nicht ich zeigte ihm meine Fahrkarte, sondern er zeigte mir seine Karte.

Sie war gelb. Wie beim Fußball.

Darauf waren zwei Bilder. Ein trauriger Smiley hinter einer Person die, wie ich, die Füße auf dem gegenüberliegenden Teil des Vierers hatte. Der Teil des Bildes war darüber hinaus mit einem roten Strich durchgestrichen.
Auf dem zweiten Bild war der Smiley viel freundlicher, hob den Daumen nach oben und die Person darauf hatte die Beine normal übereinandergeschlagen, ohne den gegenüberliegenden Teil des Vierers auch nur zu berühren.

Diese gelbe Karte drückte mir der Schaffner in die Hand.

„Bitte nehmen Sie die Füße runter“, versuchte er so freundlich wie möglich zu sagen.

„Warum“, fragte ich. „Ich habe doch extra meine Schuhe ausgezogen.“

Es gehe um Sauberkeit und diese Kampagne sei neu. Und es sei ja unhygienisch, seinem Gegenüber die Füße entgegenzustrecken.

Ich blickte mich nochmals um, um zu kontrollieren ob sich die Fahrgastzahl in den 30 Sekunden in denen ich meine Augen geschlossen hatte so dramatisch verändert hatte.

Hatte sie nicht.

Ich versuchte noch zu erklären, dass ich damit ja niemanden stören würde, weil mir ja auch niemand gegenüber sitze. Aber das half auch nichts.
Ich musste die gelbe Karte an mich nehmen und bekam noch einen Hinweis mit auf den Weg.

Sollte ich in Zukunft noch einmal die Füße auf einem Sitz haben, sei die rote Karte und ein Bußgeld von 10 Euro fällig.

Ich hatte leider kein Geld bei. Sonst hätte ich gleich im Voraus bezahlt.

Der Schock drückte auf meine Blase. Ich suchte die Toilette auf. Die stank bestialisch nach Reinigungsmittel und Urin.

Ich nahm die gelbe Karte und klebte sie mit meinem Kaugummi an den Spiegel….