Kategorie-Archiv: Allgemein

Respekt, Maria

Eigentlich hatte ich an diesem Tag ziemliches Glück. Auf meiner Fahrt von den Niederlanden nach Hause erwischte ich an diesem Sonntag einen VIERER ganz für mich. Meine Ruhe hatte ich trotzdem nicht. Der Grund saß im VIERER hinter mir.

Er war mir schon beim Einsteigen aufgefallen. Denn der etwas ältere Herr, also etwas älter als ich, stieg nicht alleine ein. Maria war auch dabei. Also – DIE MARIA. So nen halben Meter groß. Aus Holz. Und eben die Mutter Jesu. Halb verdeckt durch sorgfältig gerolltes Zeitungspapier.

Als ich zum ersten Mal meinen Blick nach hinten warf, streichelte der ältere Herr den Kopf der Maria und sprach mit ihr. Ich verstand nicht, was er ihr erzählte. Das wiederum lag an einer Kegelclub-Truppe, die sich mittlerweile auch in das Abteil gesetzt hatte.

Die Mitglieder rätselten gerade, ob der Zug nach Paderborn fährt, obwohl es eigentlich ziemlich deutlich auf der wie immer mit einem falschen Datum versehenen Anzeigetafel stand.

Letzte Zweifel, ob die Kegelschwestern richtig waren, zerstreute der ältere Herr mit einem klaren:

„Ja, der Zug fährt nach Paderborn.“ Gefragt hatten die Kegelschwestern übrigens nicht.

„Wir fahren so ungefähr zwei Stunden“, schob er dann noch hinterher. „Nein, 90 Minuten. Äh, nein. 75.“

Ich war in meinem VIERER auf 180. Keine der Angaben stimmte. Die Kegelschwestern waren beruhigt.

Darauf ein Bier, dachten sie sich. Die Kegelschwesterchefin fragte also in die Runde: „Wer möchte ein Bier.“ Keine der Kegelschwestern antwortete. Dafür der ältere Herr. Er hob den Arm, schnippte ganz aufgeregt mit dem Finger und rief:“ Ich, ich!!! Natürlich konnte diese plumpe Taktik keinen Erfolg haben. Hatte sie aber.

Wenig später hatte der ältere Herr eine Dose Bier in der Hand, bedankte sich artig und nahm einen ersten tiefen Schluck.

Danach strich er dann kurz Maria wieder über den Kopf und prostete ihr vor dem zweiten Schluck zu.

Irgendwann setzte sich ein junger Mann neben den älteren Herrn. Gott sei Dank hatte er Kopfhörer auf.

So bekam er 90 Sekunden nachdem er Platz im VIERER genommen hatte und ein Buch zur Hand nahm, die erste Frage des älteren Herrn nicht mehr mit.

„Ist das Buch so gut wie die Rezessionen?“

Ich war mir sicher, der ältere Herr hat das Buch noch nie gelesen.

Der Kopfhörer-Mann muckte sich nicht.

Als der ältere Herr wenig später den letzten Schluck aus der Bierdose nahm, reckte er sie gleich den Kegelschwestern entgegen.

„Ich kann heute Nacht nicht ruhig schlafen, wenn ihr das Pfand nicht zurücknehmt,“ polterte er. „Das sind 25 Cent.“

Und schon streckte die Kegelschwester-Chefin ihre Hand der Dose entgegen.

Mehrere Male versuchte der ältere Herr noch mit lose in den Zug geworfenen Kommentaren mit irgendjemandem ins Gespräch zu kommen, bis er sich bis zur Endstation schließlich nur noch Maria widmete.

Die, so dachte ich kurz vor dem Verlassen des Zuges, hat immer noch starke Nerven. Seit über 2.000 Jahren.

Respekt, Maria.

Von Erdbeerjoghurts und der Mondlandung

Ungefähr so habe ich mich das letzte Mal mit 12 gefühlt, als ich irgendwo in Untiefen des elterlichen Kühlschranks noch einen Erdbeerjoghurt gefunden habe.

Ich kann jetzt emotional die Mondlandung nachfühlen.

Ich weiß jetzt, wie sich Helmut Rahn am 4.Juli 1954 im Wankdorf-Stadion in Bern gefühlt hat, als er aus dem Hintergrund den Ball zum 3:2 …. ok, das ist jetzt vielleicht etwas zu dicke. Aber:

Es ist passiert. Ich habe wieder auf einem VIERER gesessen.

Ich habe die Tage des Verzichts nicht gezählt, aber es war eine Ewigkeit. An diesem verregneten Samstagabend mache ich mich tatsächlich wieder auf den Weg. Die Fahrt ist nur kurz und dauert mit Umstieg ne knappe Stunde, aber ich sauge jede Sekunde Bahnluft wieder ein.

Ich setze mich so schief in den VIERER, dass auch wirklich keiner mehr mir einen Platz wegnehmen kann. Das will in diesen Pandemie-Zeiten allerdings sowieso keiner.

Der Zug ist sehr leer, aber mir ist das egal. Ich sitze. Und ich sitze dort, wo in jedem Zug das Leben pulsiert. Wo Bahnfahrer zu Helden, zu Deppen, oder zu verzweifelten Kreaturen werden.

Ich sitze am Ticketautomaten.

Und ich werde nicht enttäuscht. Die Schaffnerin steht gleich daneben – und ihr erstes Opfer auch.

Schaffner sind ja sowieso eine ganz eigene Spezies – und ehrlich gesagt – so richtig recht machen können sie es mir meistens auch nicht.

Es gibt zum Beispiel den Typ „Sprichmichnichtan“. Der ist zwar irgendwo im Zug, aber – wie in einem gut sortierten Baumarkt – nie in dem Abteil, in dem er gebraucht wird.

Die junge Frau heute ist so ziemlich das Gegenteil.

Sie verbindet ihr Ticketautomatfachwissen mit biografischen Zügen. Während ein Mitfahrer verzweifelt versucht, einen Fahrschein mit Bargeld zu kaufen, philosophiert sie über das Wetter.

„Also im Winter, da kann ich ja den ganzen Tag nur schlafen,“ verrät sie dem Mitfahrer, dem mittlerweile ein 20-Cent-Stück unter meinen VIERER gerollt ist. „Im Sommer“, so die Hobby-Biografin weiter, „im Sommer, da ist das ganz anders. Da ist es zwar manchmal schwül und warm, aber da lege ich mich nur zwei bis drei Stunden hin und kann danach wieder aufstehen.“

Und wahrscheinlich sofort anfangen zu reden.

Jetzt erst macht sie meinen Mitfahrer darauf aufmerksam, dass seine Suche nach Kleingeld eigentlich sinnlos ist.

„Der Automat nimmt heute keine Münzen. Ach so, und Scheine übrigens auch nicht.“

Mein Mitfahrer wirft ihr einen Blick zu, den ich sofort richtig interpretiere: „Na, das hätten Sie mir ja auch mal eher sagen können.“

Naja, jetzt hat sie es ja immerhin gesagt.

Ihm bleibt also nichts anderes übrig, als bei der Schaffnerin höchstpersönlich das Ticket zu kaufen.

Danach eilt er davon. Wahrscheinlich, weil er eine weitere Unterhaltung vermeiden möchte.

Mich würdigt sie übrigens keines Blickes. Dafür ist die Schlange am Ticketautomaten einfach zu lang und mein Umstiegsbahnhof sehr nah…..

Ich bin auf EntZUG

Es ist schlimm. Wie sieht ein VIERER im Zug nochmal genau aus? Ich habe mich letztens dabei ertappt, es zu googeln. So wenig Zug wie in den vergangenen 14 Monaten bin ich schon ewig nicht mehr gefahren.

Ich vermisse es.

Ich vermisse es, den VIERER mit mir, meinen Füßen und meinem Rucksack für mich alleine einzunehmen.

Ich vermisse das knallende Geräusch der Klotür und das damit verbundene wechselseitige Verschwinden und Aufkommen des entsprechenden Geruchs.

Ich vermisse die Schwarzfahrer-Versucher die wie Geier über ihrer Beute in der Masai Mara am Ticketautomat hin und her gehen und dann urplötzlich, wenn ein Schaffner kommt, ein Ticket kaufen.

Ich vermisse es, Gesprächen über das anstrengendste Studium EVER zu lauschen.

Ich vermisse es, meinen Anschlusszug zu verpassen, weil im Bahnhof für meinen Zug nicht genug Platz ist um rechtzeitig einzufahren.

Ich vermisse es, am Süßigkeitenautomaten zu randalieren, weil ich zwar Geld reingesteckt habe, aber mein ausgewähltes Bounty auf dem Weg in den Ausgabeschacht steckengeblieben ist.

Ich vermisse es, meine Klobons-Sammlung weiter aufzufüllen, sie auf jeden Fall mitzunehmen, aber sowieso nicht einzulösen. (Aktuell dürften es so 50 sein)

Ich bin auf EntZug.

Ich muss wieder fahren.

Interrail: Es ist kompliziert

Ich wollte es ja immer schon mal machen. In diesem Sommer war es dann so weit: Meine erste Interrail-Reise stand an.

Rein ländertechnisch – mit Österreich als einzigem Ziel – recht überschaubar, dafür aber höchst flexibel und unter dem Strich nicht teurer.

Meinen Vierer wollte ich nicht alleine blockieren, darum überredete ich kurzerhand ne Freundin, doch mitzukommen. Orte und Zeitpunkte waren schnell gefunden. Alles war geplant. Das einzige, was einen Tag vor Abreise noch fehlte, war das Ticket.

In Zeiten von Bahn 2., 3. oder vielleicht auch schon 4.0 ja sicher kein Problem.

Denkste.

Der Bestellvorgang im Netz klappte eigentlich erst noch ganz gut. Bis zur letzten, aber entscheidenden Frage:

WIE MÖCHTEN SIE IHR TICKET ZUGESTELLT BEKOMMEN?

Ja wie?

Sofort und digital natürlich. Wie bei einer möglichen Fahrt von Buxtehude nach Bensersiel. Also flott.

Es gab zur Beantwortung der Frage aber nur zwei Auswahlmöglichkeiten. Sofort und digital war nicht dabei.

DHL oder DHL-Express (2-3 Werktage)

Das Interrail-Portal beamte mich mal eben mit Schubrakete zurück in die 80er. Ich war kurz davor, mich mal wieder in eine Telefonzelle zu stellen. Nur, um so rein gefühlsmäßig die 80er noch mal zu erleben.

Ich musste umdenken. Also rief ich am Bahnhof meines Wohnorts an. Eine Uni-Stadt mit 150.000 Einwohnern wird ja wohl Interrail-Tickets verkaufen.

Denkste 2.0.

Ein Reisebüro mit dieser Fähigkeit war auch nicht zu finden.

Also gab es keine Chance, in ganz Deutschland ein Interrail-Ticket zu kaufen?

Meine letzte Chance: meine  Heimat.

Ein (für mich) schöner Ort mit rund 53.000 Einwohnern und einer kleinen, aber wie sich herausstellen sollte, feinen DB-Verkaufsniederlassung.

Dort verstand man mich sofort und konnte mir vor allem sofort helfen. Innerhalb von 20 Minuten bekam ich zwei Interrail-Pässe mit einem fürchterlich gestalteten blau-gummierten Fahrtenbuch (Ironie aus) in die Hand gedrückt.

Das Fahrtenbuch, so bekam ich noch mit auf den Weg, sei wichtig zur Kontrolle durch den Schaffner. Damit ich auch nicht länger oder öfter fahre als erlaubt. Und es sei auch der Grund, warum man ein Interrail-Ticket nicht ausdrucken könne.

Nach einer Woche Zugfahrt, einem geklauten Kuli vom Schaffner und vielen, hier später noch zu schildernden Eindrücken war das Fahrtenbuch randvoll.

NICHT! 

Nur die allererste Fahrt hatte ich an einem Tisch in einem Vierer darin eingetragen. Danach interessierte dieses blaue 80er Gummi-Buch niemanden mehr.

Am liebsten wäre ich auf meiner letzten Etappe noch einem Schaffner hinterhergerannt und hätte ihn – mit dem Kopf auf den Vierer-Tisch gepresst – genötigt, sich darin zu verewigen.

Ich hätte ihm dafür sogar den Kuli geliehen, den ich seinem Kollegen von der ersten Fahrt nicht wieder zurückgegeben hatte…

lassmaliebereiner

Stimmt. Dieser Blog hat verdammt lange brachgelegen. Oder besser gesagt: Es gab ziemlich viele „Bauarbeiten auf der Strecke“.

Das soll sich jetzt wieder ändern.

Natürlich bin ich in der Zwischenzeit weiter jede Menge Bahn gefahren. Und natürlich habe ich, zumindest bis zum März, in meinem geliebten „Vierer“ gesessen.

Ich habe meine bislang weiteste Zugreise bis nach Barcelona unternommen.

Ich musste sogar erst so alt werden wie ich bin, um zum ersten Mal Interrail zu fahren. Die am häufigsten gestellte – und wenig charmante – Frage dazu war übrigens:“ Interrail gibt es für Dein Alter noch?“

Einer der Hauptgründe warum ich jetzt wieder über die große und weite lassmavierer-Welt schreiben möchte ist – Corona – natürlich.

Denn lassmavierer ist aktuell nicht. lassmaliebereiner ist vernünftiger. Mit Maske. Mit Abstand. Ja, auch mich nervt das. Es ist aber alternativlos.

Auf meinen Corona-Zugfahrten habe ich unfassbar rücksichtsvolle Mitreisende erlebt.

Genauso wie das krasse Gegenteil.

Menschen, die sich mit dem „Maske-Zugbegleiter-Spiel“ die Zeit vertrieben haben. Ist der Schaffner in Sichtweite: Maske auf. Ist er wieder weg….

Ich finde das rücksichtslos, arrogant und gefährlich.

Dieser Blog wird sich darum auch inhaltlich etwas verändern. Für „immer nur lustig“ sind die Zeiten zu ernst.

Aber keine Sorge. Wenn ihr es euch im Schienenersatzverkehr – mit einer Hand in der Halteschlaufe stehend – mit 80 anderen gemütlich gemacht habt, werdet ihr nicht von der Moralkeule auf den neben euch stehenden Maskenträger geschubst.

lassmavierer bleibt im Kern seiner Idee treu. Es soll Spaß machen – und mich therapieren.

Denn die Geschichten die ich seit über 30 Jahren im Zug erlebe, die müssen raus.

Wenn ihr wollt, dann kommt gerne mit in den Stuhlkreis und schildert mir in den Kommentaren, was ihr auf euren Fahrten erlebt habt.

Oder ihr lest einfach regelmäßig diesen Blog.

Der nächste Eintrag kommt nicht erst wieder in knapp drei Jahren. Versprochen….

Gefangen in der Studie-Hölle

Na klar. Studenten haben eine Daseinsberechtigung. Das will ich auch gar nicht ändern. Ich plädiere für etwas anders:

Zugabteile für den Akademiker-Nachwuchs. Meinetwegen auch 1.Klasse. Dann können sich die Betroffenen entspannt auf ihren harten Uni-Alltag vorbereiten. Dann sind sie unter sich. Und verbreiten nicht das im gesamten Zug, was sie am liebsten verbreiten: Angst

Angst davor, dass alle anderen das Gefühl beschleichen könnte eventuell noch ein bisschen mehr leisten zu müssen, um den Stress zu haben, den eine Pädagogik-Vorlesung zur frühkindlichen Erziehung annähernd hat.

Wer wie ich oft zur Studenten Rushhour zwischen neun und zehn Uhr (also morgens) in einem Vierer Platz nimmt, der erlebt es hautnah und hat Sätze wie:“Ich weiß gar nicht, wie ich das alles heute schaffen soll.“ und „Trägst Du mich in die Anwesenheitsliste ein?“ fest in seinem eigenen Wortschatz integriert.

Irgendwas scheint nicht zu stimmen. Denn zumindest in den Vierer-Gesprächen geht es vor allem darum, wie man möglichst viel Freizeit von der Uni abzwacken kann. Das ist nachvollziehbarer Stress.

Ehrlich. Ich verstehe das.

Und wenn Prof. A die Vorlesung kompliziert macht, ich den Schein aber auch bei Prof. B. machen kann, dort aber eine Anwesenheitspflicht herrscht die ich aber wirklich nicht immer erfüllen kann, weil ich definitiv Stress habe, dann ist es wirklich, also wirklich, wirklich – Stress.

Vor ein paar Tagen hatte ich mein Taschentuch wirklich schon fast gezückt. Also – für meine eigenen Tränen. Ich war kurz davor meinen 13. Tag am Stück im Büro zu verbringen. Ohne Partywochenende. Ich wollte einfach mal so weinen. Irgendwie sollte mein Frust über zu viel Freizeit und Leerlauf in meinen Leben raus.

Meine Endstation kam dazwischen.

Ich blieb noch ein wenig sitzen und ließ die gestressten Studenten an mir vorbeiziehen. Sie hatten es definitiv eiliger.

Ich genoß drei Sekunden Stille in meinem Vierer und war kurz davor mich aus meiner eigenen Anwesenheitsliste für diesen Arbeitstag auszutragen.

Der Schaffner machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich musste raus.

Vor mir sah ich die Studie-Lemminge immer geradeaus Richtung Uni laufen.

Ich bog nach rechts. Raus aus der Studie-Hölle.

Zumindest bis zum nächsten Morgen.

Larissa

Es gibt so Begegnungen im Vierer, die werden in der Erinnerung für immer bleiben. Der Grund heute: Larissa

Sie setze sich heute auf meinem Rückweg mir gegenüber. Neben ihr saß Lars. Das wusste ich am Anfang zwar noch nicht, das sollte sich aber bald ändern.

Lars kannte Larissa bis dahin auch noch nicht. Was aus den beiden geworden ist kann ich nicht sagen. Mir reichten auch die 20 Minuten die ich Larissa kennenlernen durfte.

„Darf ich mal was fragen?“ Larissa wartete die Antwort von Lars und mir gar nicht mehr ab. „Hält dieser Zug in Bochum-Wattenscheid?“

Ich nickte. Lars auch.

„Gut. Ich habe nämlich auf dem Bahnsteig in Gütersloh gefragt. Da haben sie mich alle nur blöd angeguckt. Also diese Stadt ist nichts für mich. Da bleibe ich lieber in meinem Essen. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch. Wie heißt ihr eigentlich?“

Da wusste ich, das Lars Lars heißt.

Während Larissa im weiteren Verlauf der Fahrt duzte, entschied sie sich bei mir für das Sie. Da konnte ich mit leben. Wenigstens etwas Distanz.

„Können Sie mal eben meine Jacke nehmen? Ich muss mein Handy suchen. Wo habe ich das nur?“

Eine Erlaubnis, ihre Jacke auf meinen Schoß zu legen brauchte sie nicht. Also eigentlich schon, aber in ihrer Welt nicht.
Ich hatte also ihre Jacke auf dem Schoß, sie suchte ihr Handy.

„Wo müsst ihr denn raus?“.

Lars in Kamen – ich in Ahlen

Im weiteren Verlauf klärte sie noch kurz den Beruf von Lars. Er arbeitete bei Mercedes. Nach meinem Beruf fragte sie nicht.

„Ist Zug fahren nicht langweilig?“

Ich dachte bei mir: „Jetzt gerade würde ich mir Langeweile wünschen.“

„Fahr diese Strecke mal täglich mit dem Auto. Das ist Stress“, entgegnete ich stattdessen.

„Ich stand auf dem Bahnsteig und habe die Leute gefragt, wohin der Zug wohl fährt. Gesagt hat keiner was.“

Sollte der Leser an dieser Stelle verwirtt sein: Ich kann nichts dafür. Larissa schien Lieblingssätze zu haben, deren Wiederholung ihr wichtig waren.

„Der Typ dahinten sieht auch süß aus. Ich habe schon überlegt ob, ich mich dahinten hinsetze.“

Sollte Gott meine Gebete erhört haben?

„Aber ich habe ja einen Freund – na ja. Ich habe Sorgen.“

„Müsste jetzt nicht gleich Ahlen kommen?“

Larissa wollte mich loswerden. Das war klar.

„10 Minuten noch“, konterte ich.

„Ich hatte ein Vorstellungsgespräch in Gütersloh. Aber neee. Ich bleibe lieber in meinem Essen. Komische Leute dort. Und auf dem Bahnsteig, da habe ich nur gefragt, ob der Zug nach Bochum-Wattenscheid fährt. Geantwortet hat mir keiner. Nee. Ich bleibe lieber in meinem Essen.“

Lars war mittlerweile eingenickt. Wahrscheinlich tat er nur so, um seine Ruhe zu haben. Das hinderte Larissa natürlich nicht daran, ihn nochmal zu fragen, was er eigentlich beruflich mache.

„Ich hatte ja ein Vorstellungsgespräch. Aber nee. Ich bleibe lieber in meinem Essen.“

Echt?

„Sehe ich eigentlich faltig aus?“

Ich konnte nicht anders: „Es gibt Schlimmeres.“

„Das ist genau das, was Frauen hören wollen“, raunzte sie.

Ich muste raus. Also jetzt wirklich. Meine Fahrt war wirklich zu Ende. Am liebsten hätte ich Lars noch mal kräftig in den Arm genommen.
Ich drehte mich um und stieg aus. Ich hörte noch einen letzten Satz von Larissa:
„Also auf dem Bahnsteig in Gütersloh: Komische Leute. Ich habe nur gefragt ob…..“

Armer Lars.

Es lebe der Schlager

Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich unsicher bin.

Vor ein paar Jahren gab es in den Zügen mal Hinweise darauf, dass man doch bitte nicht so laut Musik hören sollte, um die Mitfahrer im Vierer nicht zu stören.

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Die Hälfte aller Kegelclubs würde zu Hause bleiben und auf der heimischen Kegelbahn den Ausflug simulieren, wenn man dieses Verbot konsequent verfolgen würde.

Wahrscheinlich würde auch mal jeder die Durchsagen im Zug mitbekommen, wenn er oder sie die Kopfhörerlautstärke vom Smartphone reduzieren würde.
Manchmal möchte ich ja auch die Fähigkeit besitzen, eigene Durchsagen im Zug machen zu dürfen. Was würde das für einen Spaß machen.

Variante 1: „Wir rasen gerade ungebremst auf ein endendes Gleis zu…..“

Zugegeben: Das wäre arg gemein. Andererseits würden es eh nur ein paar Mitfahrer mitbekommen. Die könnte man ja dann gleich auch wieder beruhigen.

Variante 2: „Alle, die jetzt den Finger heben, bekommen ein Freigetränk.“

Hier wären meine Unkosten überschaubar. Wahrscheinlich würde ein Sixpack Brause reichen.

Außerdem wäre eine vorgeschriebene Lautstärkeregelung auch kontraproduktiv, um sich von der eigenen Menschenkenntnis überraschen zu lassen.

So saß ich am Montag in meinem Vierer und ließ die Landschaft draußen wieder an mir vorbeiziehen, als ein mir gegenübersitzender Fahrgast aufdrehte.

Er war ungefähr 1 Meter 90 groß, hatte dunkle Haare, einen Bart und war von sehr breiter und vor allem sehr kräftiger Statur – kurz gesagt: Typ Türsteher.

Ich hörte auf das, was als Musikgemisch mir entgegenkam und schaute ihn an. Irgendetwas in meienem Kopf sagte mir, das da etwas nicht zuammenpasst.

Noch kam ich aber nicht drauf.

Beim Refrain war es dann so weit: „Ich sterb für Dich“.

Richtig – Vanessa Mai.

Der Schlager macht auch vor echten Männern nicht mehr Halt.

Ich war kurz davor dem Türsteher auf die Schulter zu klopfen.

Getraut hab ich mich nicht.

Wenn er beim nächsten Mal die Amigos hört….. vielleicht.

Bahnfahren – irgendwie wie Fußball

Alle die jetzt glauben, dass es während der folgenden Zeilen um pöbelnde, feiernde, betrunkene und „wofür brauche ich das Klo wenn es auch hier geht“ Fußballfans geht – weit gefehlt.

Stimmt. Auch dazu könnte ich jede Menge erzählen. Und ich werde es auch noch. Aber nicht heute.

Denn es gibt auch andere Zusammenhänge zwischen dem Fahren mit dem Zug und der schönsten Nebensache der Welt.

Das wurde mir bewusst, als ich vor ein paar Jahren mal wieder einen späten Zug nach Hause nahm. Ich war gerade von dem monotonen Wackeln schläfrig geworden als ich beschloss meine Schuhe auszuziehen und meine Füße dann auf den gegenüberliegenden Teil meines Vierers zu legen.

Die soeben beschriebene Reihenfolge ist wichtig und für den weiteren Verlauf der Geschichte entscheidend.

Ich sollte noch erwähnen, dass ich der einzige Fahrgast im gesamten Abteil war.

Ich setzte meine Fahrt also gemütlich fort, da kam der Zugbegleiter.

Ich kannte ihn bislang immer als freundlichen Gesellen. Heute Abend jedoch sollte sich das ändern.
Denn das normale Prozedere wurde mal eben umgekehrt.
Nicht ich zeigte ihm meine Fahrkarte, sondern er zeigte mir seine Karte.

Sie war gelb. Wie beim Fußball.

Darauf waren zwei Bilder. Ein trauriger Smiley hinter einer Person die, wie ich, die Füße auf dem gegenüberliegenden Teil des Vierers hatte. Der Teil des Bildes war darüber hinaus mit einem roten Strich durchgestrichen.
Auf dem zweiten Bild war der Smiley viel freundlicher, hob den Daumen nach oben und die Person darauf hatte die Beine normal übereinandergeschlagen, ohne den gegenüberliegenden Teil des Vierers auch nur zu berühren.

Diese gelbe Karte drückte mir der Schaffner in die Hand.

„Bitte nehmen Sie die Füße runter“, versuchte er so freundlich wie möglich zu sagen.

„Warum“, fragte ich. „Ich habe doch extra meine Schuhe ausgezogen.“

Es gehe um Sauberkeit und diese Kampagne sei neu. Und es sei ja unhygienisch, seinem Gegenüber die Füße entgegenzustrecken.

Ich blickte mich nochmals um, um zu kontrollieren ob sich die Fahrgastzahl in den 30 Sekunden in denen ich meine Augen geschlossen hatte so dramatisch verändert hatte.

Hatte sie nicht.

Ich versuchte noch zu erklären, dass ich damit ja niemanden stören würde, weil mir ja auch niemand gegenüber sitze. Aber das half auch nichts.
Ich musste die gelbe Karte an mich nehmen und bekam noch einen Hinweis mit auf den Weg.

Sollte ich in Zukunft noch einmal die Füße auf einem Sitz haben, sei die rote Karte und ein Bußgeld von 10 Euro fällig.

Ich hatte leider kein Geld bei. Sonst hätte ich gleich im Voraus bezahlt.

Der Schock drückte auf meine Blase. Ich suchte die Toilette auf. Die stank bestialisch nach Reinigungsmittel und Urin.

Ich nahm die gelbe Karte und klebte sie mit meinem Kaugummi an den Spiegel….

Alle auf die Barrikaden

Mal ein Fakt gleich vorweg: Wir brauchen deutlich mehr Wohnraum als früher. So ist die durchschnittliche Quadratmeterzahl auf der wir in unseren eigenen vier Wänden wohnen in den vergangenen Jahren gestiegen. Das erklärt vielleicht auch, das wir diesen Wohnraum auch auf der Schiene beanspruchen.

Denn EIN Sitz ist lange nicht genug.

Wieviel Platz man dann erobert, ist eine Frage der Taktik.

Die einfachste, gerade jetzt im Winter, verläuft nach dem Motto: Ein Sitz pro Kleidungsstück.

Im Vierer Platz nehmen und dann Handschuh 1 auf Sitz 1, Handschuh 2 auf Sitz 2, Schal auf Sitz 3 und sich selbst auf Sitz 4.

Das das, vor allem im Berufsverkehr, lange von Erfolg gekrönt ist, ist allerdings unwahrscheinlich.

Wahrscheinlicher ist da schon, und da kommen wir zu Taktik zwei, dass man sich einen zweiten Sitzplatz sichert, indem man einen Rucksack oder eine Einkaufstasche neben sich stellt. Aber, dabei ganz wichtig, Buch oder Zeitung nicht vergessen. Denn wer das oder die dann liest, der kann immer so tun als ober er die 322 Menschen die im Gang stehen weil sie sich nicht trauen einen lesenden Doppelsitzokkupierer anzusprechen, nicht hört.

Wobei da auch die Frage erlaubt sein darf, warum der Satz:“Ist der Platz da noch frei?“ für viele so schwer über die Lippen zu bekommen ist.
Da gebe ich der Kanzlerin recht. Sie versteht nicht, warum die Menschen gegen TTIP hundertausendfach auf die Straße gehen. Gegen Sitzplatzokkupierer wäre doch viel wichtiger. Oder steht TTIP gar für „TaschenTütenImmerPlatznichtblockierend“? Das wär was. Dann würde ich mitmachen.

Aber so ist es wohl nicht.

Und es beantwortet sowieso nicht die Frage, warum es Bahnfahrer gibt, die sich verbarrikadieren.

Sie wollen vielleicht alleine sein. Wollen ihre Mitfahrer vielleicht mit ihrem Mundgeruch nicht belästigen.

Zumindest den ersten Grund finde ich ziemlich langweilig.

Oder?

Also: Auf die Barrikaden. Für ein faires und freies BeHandlungsabkommen – für TTIP.

Wer dafür ist, kann gerne hier unterschreiben – ich rufe gerade noch die Kanzlerin an. Und Donald T.

Versprochen