Ungefähr so habe ich mich das letzte Mal mit 12 gefühlt, als ich irgendwo in Untiefen des elterlichen Kühlschranks noch einen Erdbeerjoghurt gefunden habe.
Ich kann jetzt emotional die Mondlandung nachfühlen.
Ich weiß jetzt, wie sich Helmut Rahn am 4.Juli 1954 im Wankdorf-Stadion in Bern gefühlt hat, als er aus dem Hintergrund den Ball zum 3:2 …. ok, das ist jetzt vielleicht etwas zu dicke. Aber:
Es ist passiert. Ich habe wieder auf einem VIERER gesessen.
Ich habe die Tage des Verzichts nicht gezählt, aber es war eine Ewigkeit. An diesem verregneten Samstagabend mache ich mich tatsächlich wieder auf den Weg. Die Fahrt ist nur kurz und dauert mit Umstieg ne knappe Stunde, aber ich sauge jede Sekunde Bahnluft wieder ein.
Ich setze mich so schief in den VIERER, dass auch wirklich keiner mehr mir einen Platz wegnehmen kann. Das will in diesen Pandemie-Zeiten allerdings sowieso keiner.
Der Zug ist sehr leer, aber mir ist das egal. Ich sitze. Und ich sitze dort, wo in jedem Zug das Leben pulsiert. Wo Bahnfahrer zu Helden, zu Deppen, oder zu verzweifelten Kreaturen werden.
Ich sitze am Ticketautomaten.
Und ich werde nicht enttäuscht. Die Schaffnerin steht gleich daneben – und ihr erstes Opfer auch.
Schaffner sind ja sowieso eine ganz eigene Spezies – und ehrlich gesagt – so richtig recht machen können sie es mir meistens auch nicht.
Es gibt zum Beispiel den Typ „Sprichmichnichtan“. Der ist zwar irgendwo im Zug, aber – wie in einem gut sortierten Baumarkt – nie in dem Abteil, in dem er gebraucht wird.
Die junge Frau heute ist so ziemlich das Gegenteil.
Sie verbindet ihr Ticketautomatfachwissen mit biografischen Zügen. Während ein Mitfahrer verzweifelt versucht, einen Fahrschein mit Bargeld zu kaufen, philosophiert sie über das Wetter.
„Also im Winter, da kann ich ja den ganzen Tag nur schlafen,“ verrät sie dem Mitfahrer, dem mittlerweile ein 20-Cent-Stück unter meinen VIERER gerollt ist. „Im Sommer“, so die Hobby-Biografin weiter, „im Sommer, da ist das ganz anders. Da ist es zwar manchmal schwül und warm, aber da lege ich mich nur zwei bis drei Stunden hin und kann danach wieder aufstehen.“
Und wahrscheinlich sofort anfangen zu reden.
Jetzt erst macht sie meinen Mitfahrer darauf aufmerksam, dass seine Suche nach Kleingeld eigentlich sinnlos ist.
„Der Automat nimmt heute keine Münzen. Ach so, und Scheine übrigens auch nicht.“
Mein Mitfahrer wirft ihr einen Blick zu, den ich sofort richtig interpretiere: „Na, das hätten Sie mir ja auch mal eher sagen können.“
Naja, jetzt hat sie es ja immerhin gesagt.
Ihm bleibt also nichts anderes übrig, als bei der Schaffnerin höchstpersönlich das Ticket zu kaufen.
Danach eilt er davon. Wahrscheinlich, weil er eine weitere Unterhaltung vermeiden möchte.
Mich würdigt sie übrigens keines Blickes. Dafür ist die Schlange am Ticketautomaten einfach zu lang und mein Umstiegsbahnhof sehr nah…..