Ich kann nur vorwärts fahren

Es ist, ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt, wie im richtigen Leben. Auch Bahnfahrer sind nicht alle gleich. Es gibt viele verschiedene Typen. Den schweigsamen, den redseligen, den schwarzfahrenden, den schwitzenden, den riechenden, den mit Taschen Sitzplätze belegenden, den telefonierenden und viele mehr. Einige davon werde ich in diesem Blog nach und nach mal vorstellen und damit jetzt beginnen.

Den Anfang mache ich mit einem meiner Lieblinge: Dem ichkannnurvorwärtsfahrenden.

Täglich verursacht dieser Typ Bahnfahrer auffwändige Rochaden. Da sitzt man gerade in sich, in ein Buch oder anderen Aktivitäten versunken in einem morgendlich gut gefüllten Vierersitz-Ensemble. Man geniesst gerade noch die Beinfreiheit,weil der Sitz gegenüber ausnahmsweise mal frei ist. Die Bäume, Häuser und Güterzüge fliegen an einem vorbei – vorwärts.

Aus den Gedanken gerissen wird man meist nur kurz, wenn man etwas widerwillig seine Beinfreiheit aufgeben muss, weil der Sitzplatz gegenüber natürlich im Überlebenskampf Berufsverkehr nicht lange frei bleibt. Das wäre ja noch erträglich. Entspannt zurücklehnen kann sich dann allerdings nur der, der beim Zählen in Gedanken bis 90 gekommen ist. Schafft er das nicht, kommt das was kommen muss:

„Entschuldigung. Könnten wir wohl die Plätze tauschen? Wenn ich rückwärts fahre, wird mir immer schlecht.“

Jetzt gibt es drei Möglichkeiten.

Erstens: Man tut so, als hätte man es durch den Kopfhörer im Ohr nicht gehört, und es sei nichts gewesen.

Erstaunlicherweise ist ein Erfolg dieser Taktik nicht komplett ausgeschlossen. Den dafür notwendigen Egoismus bringt aber nicht jeder auf.

Die zweite Möglichkeit habe ich ehrlich gesagt noch nie ausprobiert. Reizen würde sie mich allerdings. Sie erfordert allerdings viel Mut.

Was spricht dagegen, seine eigene leere Brötchentüte zu „spenden“ und mit den Worten „Nehmen Sie die wenn es nicht mehr geht“, einfach sitzen zu bleiben?

Leser dieses Blogs, die mit dieser Taktik bereits Erfolg hatten, dürfen gerne ihren Kommentar hier abgeben.

Die wahrscheinlichste und für den Waggon-Frieden sicherste Variante ist natürlich, dem Wunsch des Mitfahrers zu entsprechen und die Rochade beginnen zu lassen:

Leicht die Augen verdrehen, seine eigenen Sachen nehmen,“aber natürlich“ schmunzeln, zur Seite gehen, den warm gesessenen Platz gegen den kalten tauschen und dabei mindestens einem anderen Mitfahrer die Tasche oder den Rucksack in die Rippen hauen.

Je nachdem welchem ichkannnurvorwärtsfahren-Typus man Platz gemacht hat, verbringt man die weitere Fahrt schweigend oder bekommt eine medizinisch-diagnostisch ausführliche Erklärung.

„Wissen Sie, es ist ja auch so, wenn ich längere Zeit rückwärts fahre, dann dreht sich bei mir alles. Letztens war der Zug so voll, da ging es nicht anders. Sonst hätte ich stehen müssen.Aber wissen Sie, ich kann auch ganz schlecht im Auto hinten sitzen. Nach fünf Minuten wird mir speiübel. Kennen Sie das auch?“

Alles was jetzt kommt ist entscheidend für den weiteren Verlauf der Zugfahrt. Wer nickt und bestätigt, wählt das ruhige Ende.

Wer nicht nur sich, sondern auch sein Gegenüber fragt, ob das nicht vielleicht ein bissen übertrieben ist, der hätte auch die Ausgansgsvariante 2 (s.o.) wählen können.

Ich habe mich bislang immer für die friedliche Variante entschieden.

Es reizt mich allerdings extrem, mal eine andere auszuprobieren….

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