Kategorie-Archiv: Die Bahnfahrer-Typen

Respekt, Maria

Eigentlich hatte ich an diesem Tag ziemliches Glück. Auf meiner Fahrt von den Niederlanden nach Hause erwischte ich an diesem Sonntag einen VIERER ganz für mich. Meine Ruhe hatte ich trotzdem nicht. Der Grund saß im VIERER hinter mir.

Er war mir schon beim Einsteigen aufgefallen. Denn der etwas ältere Herr, also etwas älter als ich, stieg nicht alleine ein. Maria war auch dabei. Also – DIE MARIA. So nen halben Meter groß. Aus Holz. Und eben die Mutter Jesu. Halb verdeckt durch sorgfältig gerolltes Zeitungspapier.

Als ich zum ersten Mal meinen Blick nach hinten warf, streichelte der ältere Herr den Kopf der Maria und sprach mit ihr. Ich verstand nicht, was er ihr erzählte. Das wiederum lag an einer Kegelclub-Truppe, die sich mittlerweile auch in das Abteil gesetzt hatte.

Die Mitglieder rätselten gerade, ob der Zug nach Paderborn fährt, obwohl es eigentlich ziemlich deutlich auf der wie immer mit einem falschen Datum versehenen Anzeigetafel stand.

Letzte Zweifel, ob die Kegelschwestern richtig waren, zerstreute der ältere Herr mit einem klaren:

„Ja, der Zug fährt nach Paderborn.“ Gefragt hatten die Kegelschwestern übrigens nicht.

„Wir fahren so ungefähr zwei Stunden“, schob er dann noch hinterher. „Nein, 90 Minuten. Äh, nein. 75.“

Ich war in meinem VIERER auf 180. Keine der Angaben stimmte. Die Kegelschwestern waren beruhigt.

Darauf ein Bier, dachten sie sich. Die Kegelschwesterchefin fragte also in die Runde: „Wer möchte ein Bier.“ Keine der Kegelschwestern antwortete. Dafür der ältere Herr. Er hob den Arm, schnippte ganz aufgeregt mit dem Finger und rief:“ Ich, ich!!! Natürlich konnte diese plumpe Taktik keinen Erfolg haben. Hatte sie aber.

Wenig später hatte der ältere Herr eine Dose Bier in der Hand, bedankte sich artig und nahm einen ersten tiefen Schluck.

Danach strich er dann kurz Maria wieder über den Kopf und prostete ihr vor dem zweiten Schluck zu.

Irgendwann setzte sich ein junger Mann neben den älteren Herrn. Gott sei Dank hatte er Kopfhörer auf.

So bekam er 90 Sekunden nachdem er Platz im VIERER genommen hatte und ein Buch zur Hand nahm, die erste Frage des älteren Herrn nicht mehr mit.

„Ist das Buch so gut wie die Rezessionen?“

Ich war mir sicher, der ältere Herr hat das Buch noch nie gelesen.

Der Kopfhörer-Mann muckte sich nicht.

Als der ältere Herr wenig später den letzten Schluck aus der Bierdose nahm, reckte er sie gleich den Kegelschwestern entgegen.

„Ich kann heute Nacht nicht ruhig schlafen, wenn ihr das Pfand nicht zurücknehmt,“ polterte er. „Das sind 25 Cent.“

Und schon streckte die Kegelschwester-Chefin ihre Hand der Dose entgegen.

Mehrere Male versuchte der ältere Herr noch mit lose in den Zug geworfenen Kommentaren mit irgendjemandem ins Gespräch zu kommen, bis er sich bis zur Endstation schließlich nur noch Maria widmete.

Die, so dachte ich kurz vor dem Verlassen des Zuges, hat immer noch starke Nerven. Seit über 2.000 Jahren.

Respekt, Maria.

Ich kann nur vorwärts fahren

Es ist, ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt, wie im richtigen Leben. Auch Bahnfahrer sind nicht alle gleich. Es gibt viele verschiedene Typen. Den schweigsamen, den redseligen, den schwarzfahrenden, den schwitzenden, den riechenden, den mit Taschen Sitzplätze belegenden, den telefonierenden und viele mehr. Einige davon werde ich in diesem Blog nach und nach mal vorstellen und damit jetzt beginnen.

Den Anfang mache ich mit einem meiner Lieblinge: Dem ichkannnurvorwärtsfahrenden.

Täglich verursacht dieser Typ Bahnfahrer auffwändige Rochaden. Da sitzt man gerade in sich, in ein Buch oder anderen Aktivitäten versunken in einem morgendlich gut gefüllten Vierersitz-Ensemble. Man geniesst gerade noch die Beinfreiheit,weil der Sitz gegenüber ausnahmsweise mal frei ist. Die Bäume, Häuser und Güterzüge fliegen an einem vorbei – vorwärts.

Aus den Gedanken gerissen wird man meist nur kurz, wenn man etwas widerwillig seine Beinfreiheit aufgeben muss, weil der Sitzplatz gegenüber natürlich im Überlebenskampf Berufsverkehr nicht lange frei bleibt. Das wäre ja noch erträglich. Entspannt zurücklehnen kann sich dann allerdings nur der, der beim Zählen in Gedanken bis 90 gekommen ist. Schafft er das nicht, kommt das was kommen muss:

„Entschuldigung. Könnten wir wohl die Plätze tauschen? Wenn ich rückwärts fahre, wird mir immer schlecht.“

Jetzt gibt es drei Möglichkeiten.

Erstens: Man tut so, als hätte man es durch den Kopfhörer im Ohr nicht gehört, und es sei nichts gewesen.

Erstaunlicherweise ist ein Erfolg dieser Taktik nicht komplett ausgeschlossen. Den dafür notwendigen Egoismus bringt aber nicht jeder auf.

Die zweite Möglichkeit habe ich ehrlich gesagt noch nie ausprobiert. Reizen würde sie mich allerdings. Sie erfordert allerdings viel Mut.

Was spricht dagegen, seine eigene leere Brötchentüte zu „spenden“ und mit den Worten „Nehmen Sie die wenn es nicht mehr geht“, einfach sitzen zu bleiben?

Leser dieses Blogs, die mit dieser Taktik bereits Erfolg hatten, dürfen gerne ihren Kommentar hier abgeben.

Die wahrscheinlichste und für den Waggon-Frieden sicherste Variante ist natürlich, dem Wunsch des Mitfahrers zu entsprechen und die Rochade beginnen zu lassen:

Leicht die Augen verdrehen, seine eigenen Sachen nehmen,“aber natürlich“ schmunzeln, zur Seite gehen, den warm gesessenen Platz gegen den kalten tauschen und dabei mindestens einem anderen Mitfahrer die Tasche oder den Rucksack in die Rippen hauen.

Je nachdem welchem ichkannnurvorwärtsfahren-Typus man Platz gemacht hat, verbringt man die weitere Fahrt schweigend oder bekommt eine medizinisch-diagnostisch ausführliche Erklärung.

„Wissen Sie, es ist ja auch so, wenn ich längere Zeit rückwärts fahre, dann dreht sich bei mir alles. Letztens war der Zug so voll, da ging es nicht anders. Sonst hätte ich stehen müssen.Aber wissen Sie, ich kann auch ganz schlecht im Auto hinten sitzen. Nach fünf Minuten wird mir speiübel. Kennen Sie das auch?“

Alles was jetzt kommt ist entscheidend für den weiteren Verlauf der Zugfahrt. Wer nickt und bestätigt, wählt das ruhige Ende.

Wer nicht nur sich, sondern auch sein Gegenüber fragt, ob das nicht vielleicht ein bissen übertrieben ist, der hätte auch die Ausgansgsvariante 2 (s.o.) wählen können.

Ich habe mich bislang immer für die friedliche Variante entschieden.

Es reizt mich allerdings extrem, mal eine andere auszuprobieren….